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@chgeuer
Created November 25, 2018 10:06
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Jeden Abend machte Herr Noah einen Rundgang durch die Arche, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war,
und um allen gute Nacht zu sagen. Eines Abends, als er zum Zwischendeck hinaufstieg, hörte er zornige Stimmen.
»Tiere wie ihr sollten einfach nicht erlaubt sein!«
Herr Noah beeilte sich, die Treppe hinaufzukommen.
»Eine Schande!«
»Zumutung!«
»Über Bord mit ihnen, würde ich sagen!«
Herr Noah holte Luft, dann schnupperte er noch einmal und rümpfte die Nase. Was kam da für ein gräßlicher
Duft durch den Gang geweht? Er sah ein paar Tiere zusammenstehen, und in dem Maße, wie ihre Stimmen
lauter klangen, wurde auch der Geruch stärker.
»Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?« blökte die Ziege. »Einfach so die Bude zu verpesten!«
»Auf dieser Arche wird es für ehrliche, anständige Tiere immer schwieriger«, sagte der Emu geziert.
»Für Insekten auch«, meinte die Ameise.
»Und für die Vögel«, sagte der Geier. »Wir Geier haben sehr empfindliche Nasen.«
Eine Wolke übelriechender Luft ließ die Tiere zurückweichen, und jetzt konnte
Herr Noah die beiden schwarz und weiß gestreiften Stinktiere sehen, die mit
dem Rücken zur Wand standen.
Dem Emu wurde es schlecht, und er fiel platt auf den Boden, genau auf den Igel.
»Au, au. Du tust mir weh! Oh, dieser Gestank!«
»Tut mir leid«, sagte der Igel höflich und versuchte, unter dem Emu hervorzukriechen.
Die Stinktiere sagten gar nichts. Sie standen auf ihren Vorderfüßen, fletschten ihre scharfen Zähne und
stampften auf den Boden. Dann fielen sie wieder auf alle Viere, hoben den Schwanz in die Höhe und gaben
eine neue Duftwolke von sich, worauf die anderen Tiere sich schleunigst zurückzogen.
Die Ziege trottete zu Herrn Noah.
»Hast du das gesehen?« fragte sie.
»Ja«, antwortete Herr Noah. »Nicht nur gesehen.«
»Es ist nicht recht«, meinte der Emu schwach. »Sowas sollte verboten werden.«
Die Gans wackelte mit ihrem langen, dünnen Hals auf Herrn Noah zu. »Was willst du dagegen unternehmen?« fragte sie.
»Ich glaube«, meinte Herr Noah, »wir sollten eine Versammlung einberufen.«
Kurze Zeit später trafen sie sich in der großen Halle.
Alle Tiere waren gekommen — außer den beiden Stinktieren —, und es ging hoch her.
Die Ziege stellte sich Herrn Noah in den Weg, kaum daß er den Raum betreten hatte.
»Dieser Gestank ist wirklich unerträglich«, beschwerte sie sich.
»Wenn ich das gewußt hätte«, zischte die Schlange, »dann wäre ich überhaupt nicht mitgekommen.«
»Bitte«, rief Herr Noah, »können wir nicht versuchen, das Problem friedlich beizulegen?
Wir haben alle irgendwelche Angewohnheiten, die den anderen nicht gefallen,
aber wir müssen miteinander auskommen. Könnt ihr nicht versuchen, euch an den Geruch zu gewöhnen?«
»Nein«, sagte der Fuchs unverblümt.
»Wenn ihr mich nach meiner Meinung fragt, auch wenn sie sicher ganz unmaßgeblich ist«,
begann das Kamel leise und bedächtig,
»ich finde, wir sollten den Stinktieren ganz unmißverständlich klarmachen, daß wir nicht bereit sind, ihr Verhalten länger zu dulden.
Und wenn sie nicht sofort aufhören, die Gegend zu verpesten, dann sehen wir keine andere Möglichkeit, als sie unverzüglich aus diesem ... aus diesem .. .«, es
sah sich um, »... diesem Gebäude zu entfernen.«
»Wovon redet er?« fragte die Giraffe.
»Wenn sie nicht aufhören zu stinken, schmeißen wir sie raus«, sagte der Fuchs.
Der Löwe sah zu Herrn Noah. »Wenn du meinen Rat hören möchtest — ich weiß, daß ich nur dein Assi—, ich glaube, wenn nicht bald etwas ge-
stent bin
schieht, dann wird es hier einen Aufstand geben.«
»Okay«, seufzte Herr Noah. »Ich gehe zu ihnen.«
Er ging zu den Stinktieren zurück. Doch als er sich ihnen näherte, standen sie auf und starrten ihn an.
Herr Noah sprach ganz schnell. »Seht mal, Freunde«, sagte er.
»Es tut mir leid, daß ich es sagen muß. Aber ihr habt die Tiere ganz schön wütend gemacht.«
Die Stinktiere erhoben sich auf ihre Vorderfüße.
Herr Noah, der selbst schon ganz schwach auf den Beinen war, machte einen Schritt zurück.
»Ich muß euch dringend bitten, daß ihr aufhört, die Gegend zu verpesten! Sonst müssen wir härter durchgreifen!«
Die Stinktiere stampften ein paarmal heftig auf den Boden,
sahen ihm direkt in die Augen und gaben einen furchtbaren Gestank von sich.
Herr Noah fiel lang auf den Boden und schlug dabei so heftig mit dem Kopf auf, daß er das Bewußtsein verlor.
er aufwachte, lag er in seiner Kabine. Der Kopf tat ihm weh.
"Was soll ich tun, Gott?", fragte er
"Versuch doch mal, mit ihnen zu reden", schlug Gott vor.
»Das habe ich gerade getan«, erwiderte Herr Noah gekränkt. »Du siehst ja, wohin das geführt hat.«
»Du hast nicht mit ihnen geredet, du hast versucht auf sie einzureden«, entgegnete Gott geduldig.
»Dann rede du doch mit ihnen«, meinte Herr Noah mürrisch. »Vielleicht hören sie ja auf dich.
Wenigstens wirst du davon keine Kopfschmerzen bekommen.«
Gott lachte.
»Das ist überhaupt nicht zum Lachen«, sagte Herr Noah ernst. »Du solltest uns lieber helfen.«
Herr Noah fühlte sich wirklich sehr schlecht, sonst hätte er nicht in solchem Ton mit Gott gesprochen.
»Ich bin doch schon dabei, dir zu helfen, Noah«, antwortete Gott freundlich.
»Ich gebe dir einen Rat. Sprich mit den Stinktieren und versuche herauszufinden, was los ist.«
Aber Noah wollte Gottes Rat nicht befolgen. Er blieb im Bett liegen und pflegte seinen Kopfschmerz,
während der Gestank immer stärker wurde und sich in der ganzen Arche ausbreitete. Eins nach dem anderen
kamen die Tiere zu seiner Kabine, um sich zu beschweren. Herr Noah aber weigerte sich, aufzustehen.
Doch schließlich wurde der Gestank so durchdringend, daß er etwas tun mußte.
Er ließ den Löwen und den Tiger kommen.
»Löwe«, sagte er mit schwacher Stimme, »und Tiger, meine Assistenten.
Ihr wißt, daß ich mit angeschlagenem Kopf hier liege und darum nichts gegen den Gestank unternehmen kann.
Aber irgend etwas muß gemacht werden.«
»Die Tiere sind alle sehr wütend«, sagte der Löwe. »Wahrscheinlich werden sie die Angelegenheit bald selbst in die Hand nehmen.«
»Du mernst ?
»Ihnen die stinkigen Hälse umdrehen«, sagte der Tiger.
Herr Noah war entsetzt. »Löwe ... Tiger ... würdet ihr ... könntet ihr ... in meinem Auftrag mit den Stinktieren reden?"
»Nein«, sagte der Tiger geradeheraus.
»Auf euch würden sie hören«, bettelte Herr Noah. »Ihr seid Tiere wie sie.«
»Aber du bist der Boß«, meinte der Löwe freundlich. Gott hat dir die Verantwortung übergeben.
Wie könnte ich, ein einfacher Löwe, diese Verantwortung an mich reißen?«
Er sah Herrn Noah mit großen Augen an. »Wer weiß, wie das enden würde? Die Tiere könnten womöglich verlangen, daß ich, daß wir«, verbesserte er sich schnell, als der Tiger zu knurren be-
gann, »das Kommando übernehmen.«
»Ja«, sagte Herr Noah. »Gut. Also, natÜrlich werde ich mich um die ganze Sache kümmern — sobald es mir etwas besser geht.«
Der Löwe lächelte honigsüß. »Ich würde nicht zu lange warten«, meinte er und ging mit dem Tiger davon.
Herr Noah ließ seinen ältesten Sohn kommen.
»Sem«, sagte er, »ich habe eine wichtige Aufgabe für dich.«
»Ja, Vater?«
»Ich möchte, daß du versuchst herauszubekommen, warum die Stinktiere so fürchterlich stinken. Und daß du sie überredest, damit aufzuhören.«
Sem wurde ganz blaß. »Ich, Vater?«
»Ja, du.«
»Gut, Vater.«
Sem verließ die Kabine, aber schon nach wenigen Augenblicken war er zurück. Er war ganz benommen und sah aus, als wäre ihm übel.
»Ich hab's versucht, Vater, ich hab's wirklich versucht. Aber ich bin nicht an sie herangekommen.«
»Schon gut, schon gut«, sagte Herr Noah gereizt. »Schick Ham zu mir.«
Als Ham kam, gab Herr Noah ihm denselben Befehl. Ham wurde im Gesicht ganz grün.
»Ich, Vater? Du meinst, ich sollte gehen?«
»Ja«, sagte Herr Noah.
»Aber ich bin sowieso schon seekrank. Der Gestank wird mir den Rest geben.«
»Geh und tu, was ich dir sage«, befahl Herr Noah.
Also verließ Ham die Kabine, aber er kam noch schneller zurück als sein Bruder.
»Tut mir leid, Vater.«
»Du hast es gar nicht probiert«, brummte Herr Noah. »Schick Jafet zu mir. Er ist ein guter, gehorsamer Junge.«
Aber Jafet bekam schon beim bloßen Gedanken an die Stinktiere solche Angst, daß er seinem Vater ausrichten ließ, ihm sei so übel, daß er nicht einmal seine
Kabine verlassen könne. Herr Noah sank ins Bett zurück.
»Noah.«
Das war Gott.
»Noah, ich habe dich und deine Familie nicht vor der Flut gerettet und dir die Verantwortung für alle Tiere übertragen, die in der Welt übrigbleiben sollen,
damit du mir jetzt ungehorsam wirst.«
»Ich, Herr?«
»Ja, du. Ich habe dir gesagt, du solltest mit den Stinktieren reden, nicht der Löwe oder der Tiger oder deine Söhne.«
»Ich dachte, ich würde einfach versuchen, die beste Lösung zu finden«, meinte Herr Noah mit schwacher Stimme. »Solange es mir nicht so gut geht.«
»Das hast du nicht gedacht«, sagte Gott. »Nun komm schon, Noah. Steh auf.«
bist mir nicht ... böse?« fragte Herr
»Und du .
Noah ängstlich.
»Nein«, sagte Gott. »Nur ein bißchen traurig.«
Herr Noah schämte sich. »Es tut mir leid, Gott.«
Herr Noah stand auf, zog sich an und machte sich auf den Weg zu den Stinktieren. Der Gestank war inzwischen furchterregend,
und Herr Noah hielt den Atem an, als er die Treppe hinaufstieg. Die Stinktiere saßen an ihrem gewohnten Platz.
Sie waren umgeben, allerdings in sicherer Entfernung, von einem Kreis drohender Tiere.
»Wirfst du sie jetzt über Bord?« fragte der Fuchs.
»Wenn nicht, dann würde ich ihnen gern die Kehle durchbeißen«, meinte der Leopard und rannte auf und ab.
»Dann wird der Gestank bald aufhören.«
»Laßt mich einmal mit ihnen reden«, sagte Herr Noah. »Aber allein.«
Die Tiere waren überrascht, doch sie taten, was er sagte, und zogen sich zurück. Herr Noah streckte die Hand aus.
»Kommt einmal her«, sagte er, »ich tue euch nichts.«
Die Stinktiere erhoben sich, und Herr Noah schluckte heftig.
»Ich möchte nur, daß ihr mir einmal ganz genau erzählt, warum ihr solch einen Gestank verbreitet«, bat er mit zitternder Stimme.
Eines der Stinktiere begann auf den Boden zu stampfen.
»Bitte«, sagte Herr Noah. »Es tut mir leid, wenn ich euch einen Schrecken eingejagt habe. Ich hatte Angst. Ich habe auch jetzt Angst.«
»Angst?« sagte eines der Stinktiere. »Du? Daß ich nicht lache!«
Das andere Stinktier zischte: »Halt die Klappe, du Dummkopf. Der will uns doch nur reinlegen.«
Es wandte sich zu Herrn Noah um und ließ eine stinkende Wolke auf ihn los. Aber Herr Noah duckte sich blitzschnell und konnte ihr gerade noch ausweichen.
»Es ist mir egal, was ihr macht«, sagte er und kämpfte mit der Übelkeit.
»Es ist mir egal, ob ich wieder bewußtlos werde. Ich will euch nur helfen.«
Die Stinktierfrau wollte ihn erneut mit einer Wolke einhüllen, aber ihr Mann hielt sie davon ab.
»Warte doch.« Dann wandte er sich an Herrn Noah.
»Du willst wissen, warum wir so stinken, habe ich das richtig verstanden ?«
»Genau«, sagte Herr Noah.
»Würdest du nicht auch stinken, wenn du vor Angst nicht mehr wÜßtest, was du sonst tun kannst?« fragte er unverblümt.
»Aber wieso habt ihr Angst?« wollte Herr Noah wissen.
»Hättest du denn keine Angst, wenn dich ein Haufen Tiere bedroht, von denen die meisten größer sind als du?«
»Aber wieso haben sie euch bedroht?«
»Die Gans hat angefangen«, sagte das andere Stinktier schmollend.
»Ist herumgeflattert und hat behauptet, wir hätten sie gestoßen. Und dann kam eins zum anderen.
Alle fingen an zu schreien und sagten, sie wollten uns den Hals umdrehen oder aus dem Fenster
werfen. Kein Wunder, daß wir stinken mußten.«
»Wir hatten Angst, weißt du, und wenn wir Angst haben, dann fangen wir an zu stinken«, erklärte das erste Stinktier.
»Funktioniert meistens ganz großartig.«
»Verstehe«, sagte Herr Noah. »Aber jetzt hört mal zu.
Gott hat mir die Verantwortung für diese ganze Reise übertragen.
Obwohl ich nicht so recht verstehe, warum, denn ich mache meine Sache wirklich nicht besonders gut.
Aber wenn ich euch jetzt sage, daß ihr keine Angst zu haben braucht, glaubt ihr mir dann?«
»Solange die anderen Tiere nicht wieder versuchen, uns Angst zu machen«, antwortete das Stinktier.
»Dann kommt mit«, sagte Herr Noah.
Er ging mit den Stinktieren in die große Halle. Da standen sie neben ihm, obwohl ihnen recht ungemütlich zumute war,
während er den Tieren erklärte, daß die Stinktiere den Gestank nur von sich gegeben hätten, weil sie solche Angst hatten.
Nach einigem Hin und Her erklärten sich die Tiere bereit, den Stinktieren keine Angst mehr einzujagen,
wenn sie mit dem Stinken aufhören würden. Ein paar von den kleineren Tieren, die selbst sehr gut wußten,
wie es ist, wenn man Angst hat, gaben sich besonders große Mühe, damit die Stinktiere sich sicher fühlen konnten.
So wurden die Stinktiere ein Teil der großen Familie auf der Arche, und das kleine Schiff trieb weiter auf den Fluten.
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